Kaffeetüte lesen: Worauf es beim Kaffeekauf wirklich ankommt
Eine schöne Verpackung sagt nichts über die Qualität des Kaffees aus. Hier ist eine praktische Checkliste für den Kaffeekauf: Röstdatum, Herkunft, Farm, Aufbereitung, Mahlgrad, Aromen, Ventil und Blend versus Single Origin, plus warum aus unserer Sicht die Aufbereitung den Geschmack mindestens so stark prägt wie die Anbauhöhe.
Es gibt viele wunderschön gestaltete Kaffeetüten da draußen, und das schönste Label sagt selten etwas darüber aus, was drin ist. Die gute Nachricht: Die eigentlichen Qualitätsmerkmale stehen meistens auch auf der Tüte, man muss nur wissen, wo man hinschauen muss. Hier ist unsere Checkliste zum Lesen einer Kaffeetüte vor dem Kauf, plus ein Punkt, bei dem wir der gängigen Meinung leise widersprechen.

1. Röstdatum
Achte auf ein Röstdatum, nicht nur auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Unsere Kaffeeverpackungen enthalten eine Kombination aus beidem, mit dem Hinweis: „Mindestens haltbar bis [Datum] und ein Jahr zuvor geröstet.“
Als Faustregel gilt, dass hell gerösteter Kaffee innerhalb von zwei bis vier Wochen nach dem Rösten am besten schmeckt. Wenn die Packung ungeöffnet bleibt und trocken, vor Licht und Feuchtigkeit geschützt gelagert wird, kann sich dieses Frischefenster etwas verlängern.
Wir haben unsere Kaffees auch vier bis fünf Monate nach dem Röstdatum verkostet und festgestellt, dass Aromen und Geschmacksnoten zwar etwas an Intensität verloren haben können, der Kaffee aber immer noch lecker war. Der Unterschied war für uns jedenfalls kein Grund, den Kaffee wegzuwerfen.
Sobald die Packung geöffnet ist, empfehlen wir, den Kaffee innerhalb weniger Wochen aufzubrauchen.
2. Land und Region
Mindestens sollte eine Tüte verraten, wo der Kaffee angebaut wurde. Allein die Herkunft gibt eine grobe Vorstellung davon, was zu erwarten ist: Äthiopische Kaffees sind oft blumig und teeartig, kolumbianische Lots tendieren zu ausgewogener Süße, ruandische Kaffees von Waschstationen wie Gitesi sind meist klar mit Zitrus und Steinobst. Die Region grenzt das Bild weiter ein, denn ein Kaffee aus Huila schmeckt anders als einer aus Santander, selbst innerhalb desselben Landes. Auf unseren Verpackungen findest du sowohl die Region als auch das Herkunftsland sowie Informationen zur Rückverfolgbarkeit bis hin zur einzelnen Farm.
3. Farm oder Produzent
Specialty-Röstereien gehen meist einen Schritt weiter als Land und Region: die Kooperative, die Waschstation, die einzelne Farm, manchmal sogar der Name der Person, die den Kaffee angebaut hat. Die Nennung des Produzenten garantiert für sich genommen keine Qualität, aber ein Kaffee, der bis zu einer einzigen Farm oder Waschstation zurückverfolgbar ist, wurde mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit sorgfältig verarbeitet, und wurde mit höherer Wahrscheinlichkeit direkt oder fair gehandelt. Deshalb stehen auf unseren Tüten Namen wie José del Mar Ordoñez, dessen Pink Bourbon Honey wir als Bella Vista rösten, oder Arleen und Maria Jimenez von Beneficio La Angostura in Tarrazú, oder Moisés Hidardo Hernández, dessen fermentierte Lots zu Cascaritas Barolo und Cascaritas Chardonnay wurden. Deshalb veröffentlichen wir auch einen vollständigen Transparenzbericht, der zeigt, was wir tatsächlich für Rohkaffee bezahlen.
4. Verarbeitung
Die Tüte sollte angeben, wie der Kaffee aufbereitet wurde, ob gewaschen, natural, Honey, oder etwas Experimentelleres wie anaerob oder mit Hefe fermentiert. Die Verarbeitung gibt echte Hinweise auf den zu erwartenden Geschmack, und sie sagt auch etwas über die Sorgfalt zwischen Ernte und Trocknung aus. Unser eigenes Sortiment deckt die ganze Bandbreite ab: Gitesi Espresso ist gewaschen und klar im Geschmack, Gitesi Natural wird als ganze Kirsche getrocknet für mehr Körper und Frucht, und El Mandarino ist ein anaerober Natural Parainema von Rosy Dariela Mancía aus Honduras mit einem deutlich wilderen Fruchtprofil. Warum die Aufbereitung so wichtig ist, dazu gleich mehr weiter unten.
5. Geschmacksnoten
Geschmacksbeschreibungen wie „Bergamotte, getrocknete Aprikose, Toffee" sind zum Teil Marketing, und du solltest nicht erwarten, einen ganzen Obstkorb in der Tasse zu schmecken. Nützlich sind sie trotzdem, um Erwartungen einzuordnen: Ein Kaffee, der als hell und blumig beschrieben wird, verhält sich in deinem Kessel anders als einer, der als schokoladig und schwer beschrieben wird, und das lohnt sich zu wissen, bevor du gleich ein ganzes Kilo kaufst. Lies solche Aromen als groben Anhaltspunkt, nicht als Garantie.
6. Aromaventil
Dieser Punkt steht nicht auf der Tüte, sondern ist Teil der Tüte, und er ist wichtiger, als die meisten denken. Frisch gerösteter Kaffee gibt noch Tage nach der Röstung CO2 ab. Ein Aromaventil lässt dieses Gas entweichen, ohne dass Sauerstoff eindringen kann, und genau das hält das Aroma des Kaffees intakt, statt dass er abgestanden schmeckt oder im schlimmsten Fall eine verschlossene Tüte im Regal aufbläht. Fehlt das Ventil, solltest du skeptisch sein, wie sorgfältig die Tüte tatsächlich verpackt wurde.
7. Blend oder Single Origin
Manche Röstereien nutzen Blends als Möglichkeit, Kosten zu sparen, indem sie günstigere, manchmal auch qualitativ niedrigere Lots mit Kaffees mischen, die möglichst viele Geschmäcker ansprechen und höhere Margen ermöglichen. Wir rösten ausschließlich Single-Farm- und Single-Origin-Kaffees, weil wir glauben, dass wir so die Arbeit, die in der Herstellung der hochwertigen Kaffees steckt, die wir einkaufen, am besten würdigen können.
Selbst Gitesi Gold, ein bewusst dunkel und kräftig gerösteter Kaffee, der für Milchgetränke entwickelt wurde, ist eine Mischung aus gewaschenen und natürlich aufbereiteten Kaffees von derselben Washing Station. Wenn du eine Rösterei noch nicht kennst, ist ein Single Origin die sicherere Wahl, um herauszufinden, was sie tatsächlich können, ohne sich hinter einem Blend verstecken zu können.
Noch ein Detail: ganze Bohne oder gemahlen
Auf vielen Kaffeeverpackungen findest du auch den Hinweis, ob es sich um ganze Bohnen oder bereits gemahlenen Kaffee handelt. Kaffee verliert Aroma in dem Moment, in dem er gemahlen wird. Deshalb: Kaufe am besten ganze Bohnen und mahle sie erst kurz vor der Zubereitung.
Bei Warawul verkaufen wir standardmäßig ganze Bohnen. Auf Wunsch mahlen wir deinen Kaffee aber auch frisch für die von dir gewählte Zubereitungsmethode – zum Beispiel für die Mokkakanne oder die French Press.
Wenn du genauer wissen möchtest, warum der Mahlgrad wichtig ist und wie du ihn für deine Zubereitungsmethode richtig einstellst, haben wir dazu einen ausführlichen Guide geschrieben.
Und die Anbauhöhe?
Die meisten Kaufratgeber setzen die Anbauhöhe ganz oben auf die Checkliste. Die Logik dahinter ist folgende: In größerer Höhe reifen die Kirschen in der kühleren Luft langsamer, wodurch die Bohne mehr Zeit hat, Zucker einzulagern und Aroma zu entwickeln. Grob gesagt ordnen viele Ratgeber wahrscheinliche Aromen nach Höhenlage ein, von erdig und gedämpft auf niedriger Höhe bis fruchtig und blumig oberhalb von etwa 1.500 Metern über dem Meeresspiegel. Für viele Röstereien gilt die Anbauhöhe bis heute als schneller Qualitätsindikator.
Hier weichen wir ein Stück von der gängigen Meinung ab. In unseren eigenen Cuppings und in der Beschaffung haben wir mindestens genauso viel Geschmacksvariation durch Aufbereitung und Fermentation gesehen wie durch die Anbauhöhe, manchmal sogar mehr. Zwei Lots von derselben Farm, auf derselben Höhe, können völlig unterschiedlich schmecken, je nachdem wie lange fermentiert wird, ob die Fermentation noch mit Fruchtfleisch an der Bohne oder erst danach stattfindet, welche Hefen oder Kulturen beteiligt sind, und wie sorgfältig anschließend getrocknet wird. Im Boss-Barista-Interview mit der Fermentationsspezialistin Lucia Solis (auf Englisch), einer ehemaligen Winzerin, die heute direkt mit Produzenten in Guatemala arbeitet, vertritt sie die These, dass Fermentation eines der stärksten und am meisten unterschätzten Werkzeuge ist, mit denen Produzenten den Geschmack formen und die Konsistenz verbessern können, unabhängig davon, was das Land selbst hergibt.
Unser eigener Cascaritas Barolo ist ein gutes Beispiel dafür: Er wächst auf einer für Honduras eher gewöhnlichen Höhe, aber die Kirschen werden mit Barolo-Weinhefe geimpft und als Ganzes getrocknet, und genau das gibt der Tasse ihren weinartigen Charakter, nicht die Meter über dem Meeresspiegel. Schau also ruhig auf die Anbauhöhe, wenn sie auf der Tüte steht, sie ist ein vernünftiger Anhaltspunkt, aber lass sie nicht wichtiger werden als das, was die Aufbereitung dir eigentlich sagt. Ein gut geführter Natural oder Co-Ferment auf mittlerer Höhe kann geschmacklich locker einen gewaschenen Kaffee aus großer Höhe schlagen, der ohne viel Sorgfalt verarbeitet wurde.
Die Kurzversion
Bevor du deine nächste Tüte kaufst, prüfe: Röstdatum, Land und Region, Farm oder Produzent, falls angegeben, die Aufbereitung, ob es ganze Bohnen sind, ein Aromaventil, und ob es sich um einen Blend oder Single Origin handelt. Lies die Aromabeschreibung als groben Anhaltspunkt, und behandle die Anbauhöhe als ein Signal unter mehreren, nicht als das entscheidende. Jede Warawul-Tüte ist so gebaut, dass sie diese Checkliste besteht. Beim nächsten Besuch in unserem Café in Neukölln oder beim Stöbern im Shop weißt du jetzt genau, worauf du achtest.